Die Geschichte Österreichs

4. Der Aufstieg der Nationalstaaten und das Ende der Habsburger-Monarchie

1. Österreich als Vielvölkerstaat

>> „Österreich-Ungarn“


Aus dem Kaiserreich Österreich wurde 1867 die Monarchie Österreich-Ungarn mit je einem Parlament, einer Regierung und einer Staatsbürgerschaft. Ungarn wurde ein eigener Staat. Österreich und Ungarn bekamen jeweils eine eigene Verfassung (in Österreich: österreichisches Staatsgrundgesetz von 1867). Damit wurde vieles Wirklichkeit, was schon die Revolutionärinnen/Revolutionäre von 1848 gefordert hatten.

>> Kaiser Franz Josef


Beide Länder behielten aber eine gemeinsame Armee und ein gemeinsames Außenministerium. Kaiser Franz Josef blieb das gemeinsame Staatsoberhaupt von Österreich und Ungarn, aber seine Macht war durch die beiden Parlamente und Regierungen eingeschränkt.

>> Österreich als „Vielvölker-Staat“

In Österreich lebten viele verschiedene Völker. Im 19. Jahrhundert waren elf Sprachen offiziell anerkannt. Daher nannte man diesen Staat auch einen „Vielvölker-Staat“. Die Einwohner hatten ganz unterschiedliche Religionen. Es gab katholische, evangelische und orthodoxe Christen. Das Judentum und der Islam waren in der Monarchie ebenfalls anerkannte Religionen. Viele Tschechen, Slowaken, Polen, Slowenen, Kroaten, Italiener und Rumänen waren mit der Situation aber nicht zufrieden. Sie wollten genauso viel Unabhängigkeit wie die Ungarn.

Kaiser Franz Josef, 1830-1916 (Regierungszeit: 1848-1916)
Kaiser Franz Josef

2. Nationalstaat statt Vielvölkerstaat

Im 19. Jahrhundert entstand in Europa die Idee des Nationalstaates. In so einem Staat sollte jeweils nur ein Volk leben. Und was ein Volk ist, wurde auch neu gesehen. Als Volk bezeichnete man damals: alle Menschen, die eine gemeinsame Sprache sprechen und eine gemeinsame Kultur haben.

 

Aus den Bewohnern Böhmens und Mährens, die slawisch sprachen, wurden so im 19. Jahrhundert „Tschechen“. Die Slowenisch sprechenden Bewohner/innen Kärntens, der Krain und der Steiermark nannten sich nun „Slowenen“. Und jene Bewohner/innen der Alpenländer, Böhmens und Mährens, die Deutsch sprachen, nannten sich nun „Deutsche“.

 

Österreich-Ungarn verlor den Ersten Weltkrieg (1914-1918). Schon zuvor hatten Vertreter der verschiedenen Völker Österreich-Ungarns ihre fehlenden Rechte beklagt, ihre Unterschiede betont und mehr Selbstständigkeit verlangt.

 

1918 endete das Zusammenleben der Völker in einem Staat. Österreich-Ungarn mit seinen vielen Völkern zerfiel in einzelne Nationalstaaten. Einige von ihnen waren selbst wieder mehrsprachige Vielvölkerstaaten, wie etwa die Tschechoslowakei oder Jugoslawien.

 

Heute sind viele Länder in Europa Nationalstaaten mit vielen Völkern im Land. Aber die Ursachen sind andere. Viele Nationalstaaten sind durch Zuwanderung „bunt“ geworden. Das gilt auch für Österreich.

 

Durch Einbürgerung gibt es immer mehr Österreicher/innen, die als Zuwanderinnen/ Zuwanderer aus Bosnien, Serbien, dem Kosovo, Kroatien, aus der Türkei, aus Polen, Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt nach Österreich gekommen sind. Viele dieser Bürger/innen sagen: „Ich bin Österreicher/in“. Viele sagen aber auch: „Ich bin Österreicher/in. Ich habe aber – zum Beispiel – serbische, türkische oder bosnische Wurzeln.“ Das ist ein Bekenntnis zur neuen Heimat, aber auch zur eigenen Herkunft (oder zur Herkunft der Eltern).

 

In den Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts waren Menschen mit anderer Sprache oder anderer Herkunft nicht willkommen. Menschen mit anderen Sprachen oder einer anderen Religion wurden unterdrückt. Manche mussten in ein anderes Land fliehen.

 

Heute garantiert eine offene Gesellschaft die Rechte aller Menschen. Und sie erkennt die Vielfalt als Chance.